{"id":53704,"date":"2026-08-26T13:41:54","date_gmt":"2026-08-26T11:41:54","guid":{"rendered":"https:\/\/iuzb.de\/?p=53704"},"modified":"2026-08-26T13:45:17","modified_gmt":"2026-08-26T11:45:17","slug":"erzbistum-berlin-die-not-ist-endlos-immer-mehr-menschen-ohne-krankenversicherung-malteser-jubilaeum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iuzb.de\/?p=53704","title":{"rendered":"Erzbistum Berlin: &#8222;Die Not ist endlos&#8220; &#8211; Immer mehr Menschen ohne Krankenversicherung &#8211; Malteser-Jubil\u00e4um"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Berlin (KNA) Jelena hat Kopfschmerzen, schon seit Monaten. Sch\u00fcchtern sitzt sie vor dem Schreibtisch von \u00c4rztin Anne-Christine Potocka. Ihre kleine Tochter l\u00e4uft durch das Behandlungszimmer und schaut sich auf Mamas Handy ein Video an. Eine Freundin ist mitgekommen, um zu \u00fcbersetzen: Denn Jelena, die eigentlich anders hei\u00dft, kommt aus Serbien und spricht kein Deutsch. Sie ist Anfang 20 und sehr d\u00fcnn. Das Blutdruckmessger\u00e4t schlabbert fast um ihren Arm, so dass die \u00c4rztin zwischenzeitlich \u00fcberlegt, ein Kindermessger\u00e4t zu holen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Wer die junge Frau ist und wie ihre Lebensverh\u00e4ltnisse sind, ob sie einen Partner hat, ob sie arbeitet, ob sie dauerhaft in Deutschland lebt, ist nicht bekannt. &#8222;Danach fragen wir nicht&#8220;, sagt Claudia Reuter, Verwaltungsleiterin der Malteser-Praxis f\u00fcr Menschen ohne Krankenversicherung in Berlin-Wilmersdorf. &#8222;Die Menschen hier d\u00fcrfen selbst entscheiden, wie viel sie von sich preisgeben wollen. F\u00fcr uns ist das Wichtigste, dass wir ihnen helfen k\u00f6nnen.&#8220;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Was 2001 als kleines ehrenamtliches Angebot begann, ist heute die gr\u00f6\u00dfte Malteser-Praxis dieser Art in Deutschland. Am Dienstag feiern die Malteser das Jubil\u00e4um gemeinsam mit G\u00e4sten aus Politik und Gesellschaft. Auch der katholische Berliner Erzbischof Heiner Koch hat sein Kommen angesagt; er ist Schirmherr der Praxis.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Praxen nachgefragt &#8211; trotz Pflichtversicherung<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Obwohl hierzulande eine Pflicht zur Krankenversicherung herrscht, zeigen Zahlen in ganz Deutschland: Immer mehr Menschen suchen Praxen auf, in denen sie sich ohne Krankenversicherung behandeln lassen k\u00f6nnen. Das belegen Statistiken von verschiedenen Einrichtungen &#8211; nicht nur der Malteser, die in Berlin die gr\u00f6\u00dfte Praxis dieser Art betreiben. Sie finanziert sich zur H\u00e4lfte aus Mitteln der Berliner Senatsverwaltung sowie aus Spenden. 2025 wurden hier den Angaben zufolge 4.886 Menschen aus 110 L\u00e4ndern behandelt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Die Organisation \u00c4rzte der Welt hat Angaben zufolge 2.254 Patientinnen und Patienten im Jahr 2024 versorgt &#8211; allein in Berlin, Hamburg und M\u00fcnchen. Menschen jeden Alters, Geschlechts und soziokulturellen Hintergrundes n\u00e4hmen entsprechende Angebote in Anspruch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">&#8222;Ob das daran liegt, dass immer mehr Menschen in Deutschland keine Krankenversicherung haben oder ob das Angebot einfach immer bekannter wird, ist nicht ganz klar&#8220;, sagt Sophie Pauligk, Vorst\u00e4ndin beim &#8222;Bundesverband Anonymer Behandlungsschein und Clearingstellen f\u00fcr Menschen ohne Krankenversicherung&#8220;. Entwicklungen wie der angespannte Wohnungsmarkt und die steigende Zahl von R\u00e4umungsklagen spr\u00e4chen eher f\u00fcr einen zunehmenden Bedarf.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">72.000 &#8211; oder 800.000 Menschen?<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Das Statistische Bundesamt z\u00e4hlte 2023 rund 72.000 Menschen, die in Deutschland ohne Krankenversicherung leben. Laut Fachleuten und Hilfsorganisationen ist die Zahl weitaus gr\u00f6\u00dfer: Demnach ist ein Prozent der Bev\u00f6lkerung nicht krankenversichert &#8211; das w\u00e4ren mehr als 800.000 Menschen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">&#8222;Man geht von einer sehr hohen Dunkelziffer aus&#8220;, sagt Pauligk. Viele Menschen tauchten in offiziellen Statistiken nicht auf. Dazu z\u00e4hlen etwa Menschen, die nicht in Deutschland gemeldet sind, Wohnungslose ohne Postadresse oder auch Personen aus dem EU-Ausland, die hierzulande keiner sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigung nachgehen. Klar sei: &#8222;Der allergr\u00f6\u00dfte Teil der Menschen ist in existenzieller Not. Sie w\u00fcrden nicht kommen, wenn sie eine andere M\u00f6glichkeit s\u00e4hen.&#8220;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Schlange stehen vor Praxis\u00f6ffnung<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">R\u00fcckenschmerzen, Impfungen, Schwangerenvorsorge: Das Wartezimmer der <strong>Malteser-Praxis<\/strong> ist an diesem Morgen voll. &#8222;Meistens stehen die Menschen vor der \u00d6ffnung um 9 Uhr schon Schlange vor der Einrichtung&#8220;, sagt Praxismanagerin Reuter. Es sind M\u00e4nner wie Frauen, Kinder und alte Menschen, und sie kommen aus verschiedenen L\u00e4ndern. 39 \u00c4rztinnen und \u00c4rzte und zahlreiche Pflegekr\u00e4fte oder medizinische Assistenten arbeiten hier ehrenamtlich. <strong>Neben der allgemeinmedizinischen gibt es auch eine gyn\u00e4kologische Sprechstunde, Kinder- und Zahn\u00e4rzte sowie Orthop\u00e4den und Dermatologen<\/strong>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Der Bedarf sei da: &#8222;Berlin ist voll davon. Ich sehe diese Menschen \u00fcberall in der Stadt&#8220;, sagt Allgemeinmedizinerin Potocka, die gerne hier hilft. Sie sagt aber auch: &#8222;Ich k\u00f6nnte es nicht jeden Tag machen. Dann h\u00e4tte ich das Gef\u00fchl, es ist ein bodenloses Fass. Die Not ist endlos.&#8220; Die Deutsch-Franz\u00f6sin ist pensioniert und arbeitet hier einmal pro Woche. &#8222;Es ist f\u00fcr mich ein St\u00fcck Detektivarbeit, herauszufinden, was die Menschen haben&#8220;, sagt sie. Nicht nur, weil viele kein Deutsch k\u00f6nnen &#8211; dabei helfen zum Beispiel ihre eigenen Sprachkenntnisse oder \u00dcbersetzerinnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Geisterglaube erschwert Verst\u00e4ndigung<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Je nach Kulturkreis h\u00e4tten die Menschen &#8222;einfach ein anderes Verst\u00e4ndnis vom K\u00f6rper und seinen Organen&#8220;, berichtet Potocka. Auch Geister oder Glaube an Schamanen spielten mitunter eine Rolle. &#8222;Da ist es manchmal schwierig, herauszufinden, was eigentlich das Problem ist. Nicht alle k\u00f6nnen ihre Beschwerden strukturiert beschreiben.&#8220; Die \u00c4rztin freut es deshalb besonders, wenn sie den Ursachen f\u00fcr Beschwerden auf die Schliche kommt &#8211; und helfen kann. &#8222;Es ist sehr befriedigend eine L\u00f6sung zu finden und Besserung zu sehen.&#8220; Jelena hat sie etwa die Adresse eines Augenarztes gegeben, der sie ohne Versicherung behandelt: Die junge Frau ben\u00f6tigt eine Brille; eine Sehschw\u00e4che ist vermutlich der Grund f\u00fcr ihre Kopfschmerzen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Die Patienten und Patientinnen, die sich hier melden, kommen aus 104 L\u00e4ndern, die meisten aus Vietnam und Serbien, aber auch aus Kamerun, der Ukraine und Syrien. Die \u00c4rzte der Welt geben 96 Staatsangeh\u00f6rigkeiten an; auch Personen mit Schulden bei der Krankenversicherung seien betroffen. Acht Prozent haben in den Praxen und Behandlungsbussen von \u00c4rzte der Welt demnach einen deutschen Pass, neun Prozent leben von einer regul\u00e4ren Arbeit, Rente oder Pension.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Betroffen seien zum Beispiel Selbstst\u00e4ndige, die in die Insolvenz rutschen: &#8222;Ihnen versuche ich dann klar zu machen, dass mit zunehmendem Alter das Risiko zu erkranken steigt&#8220;, sagt Medizinerin Potocka. Mitunter k\u00e4men Menschen, die noch nie beim Arzt gewesen sind. &#8222;Wir sind hier vielleicht auch netter und nehmen uns mehr Zeit als in anderen Praxen. Aber die Menschen d\u00fcrfen sich auch nicht zu wohl f\u00fchlen. Manche richten sich zu sehr in der Situation ein.&#8220; Grunds\u00e4tzlich sei der beste Weg, krankenversichert zu sein.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Problem: Keine Bleibeperspektive<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Daf\u00fcr ist dann Sozialarbeiterin Rebecca Bowers zust\u00e4ndig, die ein Zimmer weiter sitzt. Sie versucht, herauszufinden, ob nicht eine Chance besteht, wieder Mitglied einer Krankenversicherung zu werden. &#8222;Ich kann mir die Zeit nehmen, die die \u00c4rzte nicht haben, und eine Vertrauensbasis herstellen&#8220;, sagt die 27-j\u00e4hrige Britin. Und sie hat Erfolgserlebnisse: &#8222;Ich bin jetzt seit zwei Monaten hier und habe drei Menschen geholfen, zur\u00fcck in eine Krankenversicherung zu kommen.&#8220; Sie sieht aber auch viele, die &#8222;keine Bleibeperspektive haben &#8211; und trotzdem bleiben. Sie haben ein Problem.&#8220; Denn auch diese Menschen werden manchmal krank.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Macht man sich nicht so seine Gedanken \u00fcber die Menschen, die man behandelt und ber\u00e4t, und von denen man so wenig wei\u00df? &#8211; &#8222;Doch, nat\u00fcrlich&#8220;, sagt Potocka. Manchmal k\u00e4men zum Beispiel Frauen, bei denen ihr schnell klar sei, dass es sich um Prostituierte handele.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Das Problem der Ausbeutung kennt auch Expertin Pauligk, die die S\u00e4chsische Clearingstelle f\u00fcr Menschen ohne Krankenversicherung leitet. &#8222;Gerade bei Kindern und Frauen ist die Situation manchmal dramatisch. Sie k\u00f6nnen kein Deutsch und haben nur \u00fcber ihren Vater oder Mann einen Aufenthaltstitel und dar\u00fcber einen Sozialversicherungsanspruch.&#8220; Damit seien sie in totaler Abh\u00e4ngigkeit.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 12pt;\">Quelle: Erzbisch\u00f6fliches Ordinariat Berlin, <a href=\"https:\/\/www.erzbistumberlin.de\/medien\/schlaglichter\/schlaglicht\/news-title\/die-not-ist-endlos\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pressemitteilung<\/a> vom 25.08.2026<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin (KNA) Jelena hat Kopfschmerzen, schon seit Monaten. Sch\u00fcchtern sitzt sie vor dem Schreibtisch von \u00c4rztin Anne-Christine Potocka. 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