{"id":28949,"date":"2020-01-01T16:29:11","date_gmt":"2020-01-01T15:29:11","guid":{"rendered":"http:\/\/iuzb.de\/?p=28949"},"modified":"2020-01-28T17:28:04","modified_gmt":"2020-01-28T16:28:04","slug":"von-der-vergangenheit-lernen-missstaende-erkennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iuzb.de\/?p=28949","title":{"rendered":"Von der Vergangenheit lernen, Missst\u00e4nde erkennen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Spitzenorganisationen der Zahn\u00e4rzte in Deutschland legen 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen ersten von ihnen in Auftrag gegebenen Bericht vor, in dem die Geschichte der Verstrickungen der Zahn\u00e4rzte mit dem NS-Regime wissenschaftlich aufgearbeitet wird. Das ist uneingeschr\u00e4nkt zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig muss die Frage gestellt werden: Warum erst jetzt? Warum war es \u00fcber Jahrzehnte m\u00f6glich, einen gro\u00dfen Vorhang des Schweigens \u00fcber die keineswegs marginale Verstrickung der Zahn\u00e4rzte mit den Greueltaten der Nationalsozialisten zu legen? Warum wurden die in den 1980er- und 90er-Jahren erschienenen Arbeiten von <a href=\"http:\/\/www.dr-guggenbichler.de\/veroffentlichungen\/zahnmedizin-unter-dem-hakenkreuz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Guggenbichler<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.mabuse-verlag.de\/mabuse\/mabuse-verlag\/-total-fertig-mit-dem-nationalsozialismus-medizingeschichte_pid_99_8063.html?_ref=spot3&amp;url=%2FProdukte%2FMabuse-Verlag%2FUnsere-Buecher%2FMedizingeschichte%2F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kirchhoff<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Zahn%C3%A4rzte-1933-1945-Berufsverbot-Emigration-Verfolgung\/dp\/B077SK3CSZ\/ref=sr_1_fkmr0_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;keywords=Zahna%CC%88rzte+1933-1945%3A+Berufsverbot%2C+Emigration%2C+Verfolgung+%28Reihe+Deutsche+Vergangenheit%29+%28German+Edition%29&amp;qid=1577895653&amp;sr=8-1-fkmr0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">K\u00f6hn<\/a> nicht zum Anlass genommen, sich diesem dunklen Thema der zahnmedizinischen Standesgeschichte Jahrzehnte fr\u00fcher zu stellen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon damals war bekannt, dass die Wertvorstellungen der Zahn\u00e4rzte und \u00c4rzte schon in der Zeit vor 1933 deutlich autorit\u00e4r und deutsch-national gepr\u00e4gt waren und sich sukzessiv f\u00fcr nationalsozialistische Positionen \u00f6ffneten. Zw\u00f6lf Prozent aller Zahn\u00e4rzte und sieben Prozent der \u00c4rzte wurden schon vor 1933 als Mitglieder der NSDAP gef\u00fchrt. Da es den Nationalsozialisten gelang, den Machtwechsel als einen Aufbruch in eine bessere Zeit zu vermitteln, blickte die Mehrheit der Zahn\u00e4rzteschaft mit Optimismus und hohen Erwartungen in die Zukunft. Die Hoffnung, dass der seit Jahrzehnten schwelende Konkurrenzkampf zwischen den Zahn\u00e4rzten und Dentisten autorit\u00e4r gel\u00f6st w\u00fcrde, trug dazu bei, dass sowohl die Zahn\u00e4rzte als auch die Dentisten besonders unterw\u00fcrfig und intrigant um die Gunst der neuen Machthaber gerungen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der skrupellose Umgang mit den j\u00fcdischen Berufskollegen konnte sich in seinen Exzessen auf einer schon lange unter den Zahn\u00e4rzten vorhandenen antisemitischen Grundhaltung entwickeln. Diese Grundhaltung war der N\u00e4hrboden f\u00fcr die schamlose Entsolidarisierung der gro\u00dfen Mehrheit der Zahn\u00e4rzte mit den Kollegen, die j\u00fcdischer Abstammung waren oder als \u201epolitisch missliebig\u201c galten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Siebzig Jahre nach den N\u00fcrnberger Prozessen ist die Frage nach der pers\u00f6nlichen Schuld einzelner weitgehend obsolet geworden. Heute wissen wir, dass die Zahl der Mitwisser und Mitt\u00e4ter weit \u00fcber den Kreis derer hinausging, deren Schuld strafrechtlich geahndet werden konnte. Wir wissen \u00fcberdies, dass die in N\u00fcrnberg verurteilten Verbrechen nur die letzte Konsequenz einer menschenverachtenden Gesundheits- und Bev\u00f6lkerungspolitik darstellten und dass diese Politik auch von gro\u00dfen Teilen der \u00c4rzteund Zahn\u00e4rzteschaft mitgetragen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesem Projekt der Aufarbeitung erfahren wir weitere Details der Verstrickung von Hochschullehrern und Standesvertretern. Und wir erfahren auch, wie schnell sie darum bem\u00fcht waren, nach dem Zusammenbruch wieder entlastet zu werden. Mit dem Wissen, bei dem Wiederaufbau des Gesundheitswesens in der Bundesrepublik gebraucht zu werden, konnten sie der Politik der Re-Education, die f\u00fcr eine demokratische Umerziehung sorgen sollte (soweit sie \u00fcberhaupt stattfand), relativ sorgenfrei entgegensehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00dcbrigen ist die scheinbare Gewissheit, dass die DDR im Gegensatz zur Bundesrepublik alle Nazis in ihrem Land konsequent verfolgt und verurteilt hat, eine Legende, die zum antifaschistischen Selbstverst\u00e4ndnis der DDR passte und bewusst etabliert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sich aus dieser Konstellation nach 1945 ergebenden personellen Kontinuit\u00e4ten bewirkten, dass nicht nur in den Hochschulen, den Fachgesellschaften, den Verb\u00e4nden und den neu gegr\u00fcndeten K\u00f6rperschaften auch eine Kontinuit\u00e4t des Denkens einzog, das bis heute sp\u00fcrbar nachwirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist sehr gut, dass die fachliche Aufarbeitung der Standesgeschichte jetzt von offizieller Seite unterst\u00fctzt wird. Allerdings ist zu erwarten, dass mit Ausnahme der Personalkontinuit\u00e4ten die ganze Geschichte nach 1945 auch in den beiden neu entstandenen deutschen Staaten noch lange nicht erz\u00e4hlt sein wird. Sich diesem Kapitel einer weiterreichenden Aufarbeitung beispielhaft zu widmen und selbstkritisch fortzuschreiben, k\u00f6nnte eine herausfordernde, aber wichtige Initiative der Zahn\u00e4rztekammer Berlin sein.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-25248\" src=\"https:\/\/iuzb.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Dr.-Helmut-Dohmeier-de-Haan-150x210.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/iuzb.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Dr.-Helmut-Dohmeier-de-Haan-150x210.jpg 150w, https:\/\/iuzb.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Dr.-Helmut-Dohmeier-de-Haan-150x210-86x120.jpg 86w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dr. Helmut Dohmeier-de Haan<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.zaek-berlin.de\/ueber-uns\/delegiertenversammlung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Delegierter<\/a> Z\u00c4K Berlin<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.kzv-berlin.de\/kzv-berlin\/organe-und-struktur\/vertreterversammlung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vertreter<\/a> KZV Berlin<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/iuzb.de\/?page_id=7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">2. Vorsitzender<\/a> IUZB e.V.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Artikel erschien in der <a href=\"https:\/\/www.kzv-berlin.de\/fileadmin\/user_upload\/Praxis-Service\/3_Publikationen\/2_MBZ\/2020\/MBZ_01_2020.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">MBZ Januar 2020<\/a> auf Seite 33.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Hintergrund:<\/span><\/p>\n<ul>\n<li>BZ\u00c4K, KZBV und DGZMK:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/iuzb.de\/?p=28504\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Erinnerung wachhalten: Geschichte als Verpflichtung f\u00fcr Gegenwart und Zukunft: Studien zur Rolle der Zahn\u00e4rzteschaft in der NS-Zeit<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Spitzenorganisationen der Zahn\u00e4rzte in Deutschland legen 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen ersten von ihnen in Auftrag gegebenen Bericht vor, in dem die Geschichte der Verstrickungen [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"iawp_total_views":1,"footnotes":""},"categories":[242,123],"tags":[],"class_list":["post-28949","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-infobriefe","category-zahngeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28949","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=28949"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28949\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28971,"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28949\/revisions\/28971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=28949"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=28949"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iuzb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=28949"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}