Neue Teil-Biografie über Ewald Harndt

Von 2001 bis 2018 haben die jeweilige Präsidenten der Zahnärztekammer Berlin an rund 30 Persönlichkeiten, „die sich in besonderem Maße um das Wohl der Zahnärzteschaft verdient gemacht haben“, die „Ewald-Harndt-Medaille“ verliehen.

Ende 2019 hat der Kammervorstand ohne Einbezug der Delegiertenversammlung die „Ewald-Harndt-Medaille“ in „Philipp-Pfaff-Preis“ umbenannt.

Diese Entscheidung erfolgte diskussionslos und somit intransparent und führte daher am 09.11.2019 zu einer Offenen Nachfrage durch den Delegierten und 1. Vorsitzenden der IUZB, Herrn Gneist, welche vom Kammerpräsidenten Herrn Dr. Heegewaldt am 19.11.2019 beantwortet wurde.

Der Kammerpräsident erklärte, dass einer der Gründe für die Umbenennung „die nicht abschließend geklärte Rolle von Ewald Harndt in der Zeit von 1933-1945“ war.

Die Bundeszahnärztekammer e.V., wo auch der Berliner Kammerpräsident Vorstandsmitglied ist, hatte am 28.11.2019 die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Zahnmedizin und Zahnärzte im Nationalsozialismus“ vorgestellt. Dies brachte in Bezug auf Ewald Harndt aber keine neuen Erkenntnisse. Allerdings teilte einer der Projektleiter der Forschungsarbeit, Herr Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß von der RWTH Aachen, Herrn Gneist mit, dass Harndt in seinem demnächst erscheinenden Personenlexikon von ihm in etwa wie folgt eingeordnet werden wird: „Harndt hat keine Verbrechen begangen, aber er hat sich dem Regime – auch parteipolitisch – angedient und war dementsprechend ein politischer Opportunist.“ Harndt trat laut Groß per 01.05.1937 in die NSDAP ein.

In diesem Verlauf stellte ich fest, dass es möglicherweise eine weitere, seit 1999 zwar bekannte, aber in Bezug auf Harndt nicht tiefgehend erschlossene Quelle aus der Zeit des Nationalsozialismus gibt. Und zwar über seine Mitgliedschaft in der Freireligiösen Gemeinde zu Berlin e.V., welche mit Erlass vom 20.11.1934 durch Hermann Göring (Preußischer Ministerpräsident und Chef der Geheimen Staatspolizei) verboten und aufgelöst wurde.

Im Landesarchiv Berlin habe ich einige Akten die Vereinsgemeinde betreffend eingesehen und unter Einbeziehung von weiteren Quellen die hier beigefügte Chronologie als Teil der Biografie von Ewald Harndt erstellt. Die Chronologie hatte ich zum Jahresende 2019 vorab auch den drei Kammerpräsidenten Herrn Dr. Heegewaldt, Herrn Dr. Schmiedel (a.D.) und Herrn Dr. Bolstorff (a.D.) übermittelt. Eine Resonanz habe ich nicht erhalten.

Für mich ergibt sich aus anhand dieser Teilbiografie Verständnis für die Entscheidung von Ewald Harndt, durch Eintritt in die NSDAP, dem NS-Ärztebund, NS-Dozentenbund und Sanitärkorps NSKK (s)einen Platz in der Zeit des Nationalsozialismus zu finden. Wenn ich versuche mich in ihn hineinzuversetzen, gehe ich auch davon aus, dass seine Erfahrungen in der Vereinsgemeinde Einfluss auf seinen weiteren Lebensweg im NS-Staat hatten und ich halte von daher seine Erklärung von 1968 („Ich habe nichts zu verbergen“) insgesamt auch für glaubhaft. Er muss 1933/34 gesehen haben, was passieren wird, wenn er sich diesem Regime nicht unterwirft und einordnet. Wichtig erscheint mir hierbei auch, dass er erst 1937 in die NSDAP eingetreten ist. Außerdem gab Harndt an, „den Reichstagsabgeordneten der USPD, später der SPD und Gewerkschaftsführer Otto Brass wochenlang versteckt“ gehalten zu haben (Quelle: 1968 BZ: „Der werfe den ersten Stein“). Diese Angabe hat sich bestätigt und ich habe dies in der Chronologie auf Seite 4 unter dem Datum März 1933 vermerkt.

Von daher möchte ich ihn nicht als Opportunisten bezeichnen.

Mich selbst hiermit als Führsprecher für jemanden einzubringen, welcher Mitglied in NS Organisationen war, fällt mir nicht leicht. Den Grund finden Sie hier. Aber man sollte im Leben versuchen fair zu sein. Verurteilen ist leicht. Verständnis zeigen ist Ausdruck von Mitmenschlichkeit. Die 1969 gewählte Überschrift „Der werfe den ersten Stein“ erscheint mir daher auch heute angemessen. Als Namensgeber für eine Ehrenpreisverleihung im Zusammenhang mit Opfern des Nationalsozialismus erscheint er mir wegen seiner Mitgliedschaften aber nicht geeignet. Von daher denke ich, dass die Namensaufgabe richtig ist, aber sie hätte Gegenstand einer Diskussion und Auseinandersetzung durch den gesamten Berufsstand mit der zeitgeschichtlichen Person Ewald Harndt sein müssen. Oberstes Organ der Berliner Zahnärzteschaft ist die Delegiertenversammlung und nicht der Kammervorstand. Und auch die vorgestellte Forschungsarbeit der Bundeszahnärztekammer verlangt ja geradezu nach Transparenz im Umgang mit der Geschichte des Berufsstandes – und eben nicht nach Entscheidungen hinter einer verschlossenen Vorstandstür.

Uwe Gerber

 

 

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