Unite behind the science – Vereint euch hinter der Wissenschaft

Generation Y
Homöopathie:
Ein Kügelchen Sprengstoff

Zeit, 15.11.2019

 

Weiterführend:

V-01: Echter Patient*innenschutz: Bevorteilung der Homöopathie beenden! (pdf)
Veranstaltung: 44. Bundesdelegiertenkonferenz Bielefeld
Tagesordnungspunkt: V Verschiedenes
Antragsteller*in: Tim Demisch (Berlin-Treptow/Köpenick KV) und 267 weitere Antragsteller*innen (Frauenanteil: 20%)
Status: Eingereicht
Verfahrensvorschlag: Erledigt durch modifizierte Übernahme V-44-033-4 (Erklärung: Die modifiizierte Übernahme V-44-033-4 ersetzt: V 1 (Tim Demisch u.a.), V04 (Ulrich Geyer u.a), V 19 (Kay Müller u.a), V 44 (Yatin Shah u.a), V 44-33 BuVo, V 44-33-2 (Kordula Schulz-Asche u.a.), V 44-33-3 (Paula Piechotta) und V 44-40 (Kordula Schulz-Asche u.a.))
Eingereicht: 09.09.2019, 18:07

Antragstext:

Lesen:
Einer der Grundsätze unserer Politik ist es, wissenschaftliche Fakten wahrzunehmen und sie als Grundlage für politische Gestaltung zu nutzen. Dabei soll weder die Wissenschaft die Politik bestimmen, noch soll dies umgekehrt der Fall sein.

Aus dieser Grundüberzeugung heraus fordern wir eine Aktualisierung der Grünen Gesundheitspolitik. Wir treten für eine wissenschaftlich fundierte, faktenbasierte und solidarisch finanzierte medizinische Versorgung für alle ein. Die Finanzierung von nachweislich nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirksamen Behandlungsmethoden ist mit  diesem Grundsatz unvereinbar.

Eine aktuell sehr breit diskutierte Behandlungsmethode dieser Art ist die Homöopathie, die sich selbst als eine sogenannte Alternativmedizin einordnet, jedoch nicht mit Naturheilkunde verwechselt werden darf. Sie basiert laut eigener Aussage darauf, „Ähnliches mit Ähnlichem“ zu behandeln, was bedeutet, dass ein Krankheitssymptom mit der Substanz behandelt werden soll, welche das gleiche Symptom bei einer gesunden Person hervorrufen kann. In den meisten Fällen wird diese Substanz zur Herstellung eines Homöopathikums mehrfach unter Zugabe von Wasser oder Alkohol verdünnt und nach jedem Schritt stark geschüttelt (sogenannte Potenzierung). Eine Änderung der Wirksamkeit eines Stoffes durch die sogenannte Potenzierung ist nicht nachweisbar. Die häufigste Darreichungsform der Homöopathie sind sogenannte Globuli, Zuckerkügelchen, die mit dem verdünnten und geschüttelten Mittel besprüht werden. Die Verdünnung ist hierbei so stark, dass Moleküle der Ausgangssubstanz nicht mehr nachgewiesen werden können. Neben den Globuli existieren noch weitere Darreichungsformen in der Homöopathie.

Von wissenschaftlicher Seite wurden homöopathische Behandlungsformen sehr ausführlich untersucht: Die fehlende Wirksamkeit homöopathischer Verfahren über den Placebo-Effekt hinaus wurde mehrfach in sehr großen und qualitativ hochwertigen Studien dargelegt. Einige betonen das gesundheitliche Risiko der verspäteten Behandlung durch Symptomverschleppung, wenn Homöopathika bei gefährlichen bzw. chronischen Erkrankungen anstatt eines Medikaments  mit pharmazeutischen Wirkstoffen eingenommen werden.

Vor dem Hintergrund dieser eindeutig fehlenden Wirksamkeit verwundert es, dass homöopathische Mittel in Deutschland gegenüber Therapien mit nachgewiesener Wirkung bevorteilt werden. Beispielsweise bedürfen Homöopathika gemäß des gültigen Arzneimittelgesetzes keiner Zulassung, sondern lediglich einer relativ simplen Registrierung, damit sie als Arzneimittel in den Verkehr gebracht werden dürfen. Wählen Hersteller*innen von Homöopathika aber trotzdem den Schritt der Zulassung, um Vorteile zu erhalten, bedarf es auch hier nur eines stark vereinfachten Verfahrens ohne wissenschaftlichen Wirkungsnachweis, dem sogenannten Binnenkonsens.

Außerdem unterliegen nahezu alle Homöopathika der Apothekenpflicht. Das würde in der Theorie eine Aufklärung über die wissenschaftliche Betrachtung der Homöopathie durch die Apothekerin oder den Apotheker ermöglichen, führt in der Praxis jedoch nur zur Statusaufwertung der Mittel. Zudem verschreiben bzw. verkaufen manche Ärzt*innen und Apotheker*innen Homöopathika, ohne auf die empirisch unbelegte Wirkungsweise über den Placebo-Effekt hinaus  hinzuweisen oder schlimmstenfalls, ohne von dieser zu wissen. Die homöopathische Branche stellt des Weiteren oftmals die Behauptung auf, ihre Mittel würden auch schwerwiegende Krankheiten heilen. All diese Faktoren tragen zur besagten Statusaufwertung von Homöopathika bei, obwohl diese Heilung wissenschaftlich in sehr großer Ausführlichkeit widerlegt ist.

Auch übernimmt die überwältigende Mehrheit der gesetzlichen, solidarisch finanzierten Krankenkassen die Kosten für homöopathische Behandlungen. Versicherte, die eine Krankenkasse wählen wollen, in der sie mit ihren Beiträgen ausschließlich wissenschaftlich plausible Therapien finanzieren, können lediglich zwischen wenigen Kassen mit meist höherem Zusatzbeitrag wählen.

Aus diesen Gründen fordern wir, dass die Sonderrechte der Homöopathie und anderer sogenannter besonderer Therapierichtungen durch das Arzneimittelgesetz, das Fünfte Buch Sozialgesetzbuch und weitere Rechtsvorschriften aufgehoben oder zumindest kritisch überdacht werden. Diese Forderung beinhaltet, die simple Registrierung und die vereinfachte Zulassung von Homöopathika als Arzneimittel durch eine Zulassung mit wissenschaftlicher Betrachtung wie bei Medikamenten mit nachweisbaren Wirkstoffen zu ersetzen und die Erstattung dieser nachgewiesenermaßen nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirksamen Behandlungsmethoden durch  die Krankenkassen zu beenden. Dies beides soll nach Ablauf einer Frist auch für bereits auf dem Markt befindliche Homöopathika gelten. Außerdem fordern wir hinsichtlich der Homöopathie eine verstärkte Aufklärung der Patient*innen, um diese zu schützen. Homöopathika sollen klar mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu ihrer Wirkung und mit ihren Inhaltsstoffen deklariert werden, wie es bspw. schon in den Vereinigten Staaten von Amerika der Fall ist. Außerdem sollen Ärzt*innen und Apotheker*innen die Patient*innen zur fehlenden Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus informieren, bevor sie in der Apotheke ohne ihr Wissen Zuzahlungen zu unwirksamen Mitteln leisten.

Ziel unserer Forderungen soll es aber nicht sein, Menschen, die homöopathische Mittel aus freier Entscheidung und mit dem Wissen über die fehlende Evidenzbasis wählen, unnötig zu benachteiligen. Ein Verbot der homöopathischen Behandlung fordern wir ausdrücklich nicht. Vielmehr erkennen wir, dass Placebos in gewissen Bereichen auch sinnvoll eingesetzt werden können – insbesondere in Fällen, in denen wirksame Therapien nicht zur Verfügung stehen. Jedoch müssen auch im Bereich der Placebos für alle Behandlungsmethoden die gleichen gesetzlichen Voraussetzungen und eine dem geringen Aufwand angemessene Preisgestaltung gelten.

Unser hiermit bekräftigtes Bekenntnis zu einer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Gesundheitspolitik schließt die in vielerlei Hinsicht berechtigte Kritik des Gesundheitssystems und dessen Ökonomisierung nicht aus.

 

Dagegen:

 

V-04: Förderung der integrativen Medizin: Für therapeutische Vielfalt in der Gesundheitsversorgung und für Methodenpluralismus in der medizinischen Forschung (pdf)

Veranstaltung: 44. Bundesdelegiertenkonferenz Bielefeld
Tagesordnungspunkt: V Verschiedenes
Antragsteller*in: Ulrich Geyer (KV Heidenheim) und 19 weitere Antragsteller*innen (Frauenanteil: 40%)
Status: Eingereicht
Verfahrensvorschlag: Erledigt durch modifizierte Übernahme V-44-033-4 (Erklärung: Die modifiizierte Übernahme V-44-033-4 ersetzt: V 1 (Tim Demisch u.a.), V04 (Ulrich Geyer u.a), V 19 (Kay Müller u.a), V 44 (Yatin Shah u.a), V 44-33 BuVo, V 44-33-2 (Kordula Schulz-Asche u.a.), V 44-33-3 (Paula Piechotta) und V 44-40 (Kordula Schulz-Asche u.a.))
Eingereicht: 29.09.2019, 21:17

Antragstext

Lesen:
Grundsätze einer Grünen Politik sind Toleranz in der gesellschaftlichen Vielfalt und die Akzeptanz verschiedener Ansichten. Wir Grüne verstehen uns nicht als Verbotspartei für bestimmte Lebenskonzepte, für bestimmte Glaubensformen oder für eine Einengung auf eine Wissenschaftsansicht.

Aus diesem Grunde stehen wir Grüne für einen rationalen und sachlichen Wissenschaftspluralismus, Förderung von Innovationen und Forschung und für therapeutische Vielfalt unter bewährten und erprobten Behandlungsmethoden.

Wir Grüne wollen uns nicht für einen Glaubensstreit instrumentalisieren lassen. Es geht hier nicht um relevante Ausgaben des Gesundheitssystems, sondern gerade einmal um 0,05%9 der Arzneimittelkosten der gesetzlichen Krankenkassen, die von den Krankenkassen für homöopathische Mittel als Satzungsleistungen bezahlt werden. Die Bürger*innen, die die besonderen Therapieformen wollen, zahlen diese heute zum größten Teil aus der eigenen Tasche.

Es geht hier erkennbar nicht um wissenschaftliche Klärung, sondern um einen von Homöopathiegegner*innen inszenierten Glaubensstreit darüber, dass potenzierte Mittel aus Prinzip nicht wirken können, da sie ja keine wirksamen Substanzen enthielten. Die Klärung dieses Sachverhaltes, ist eine wissenschaftliche, sicher aber keine politische Frage.

Unsere Aufgabe aber ist es, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für eine ausgewogene Forschung zu schaffen Das gilt gerade für Naturarzneimittel und Arzneimittel mit geringem Nebenwirkungspotenzial, die viele Patient*innen wünschen und schätzen.

  • Damit integrative Medizin in der gesamten Bandbreite auch gut evaluiert werden kann, brauchen wir mehr öffentliche und unabhängige Forschung in diesem Bereich. Bisher lagen die öffentlichen Fördermittel zur Forschung in diesem Bereich bei lediglich 1% der Gesamtsumme deren in der gesamten Medizin. Wir beantragen diese Forschungsgelder deutlich auf mindestens 5% zu erhöhen.
  • Ferner brauchen wir eine Infrastruktur, die eine solche Forschung zulässt. Aus diesem Grunde fordern wir die Schaffung von weiteren integrativmedizinischen Lehrstühlen.
  • Zudem beantragen wir, die Satzungsleistungen der Krankenkassen in ihrem Status quo zu belassen.

Begründung:

Lesen:
Es ist nicht Aufgabe des Staates, Wissenschaftsfragen zu beurteilen. Gleichwohl ist es wichtig, im gesellschaftlichen Konsens über deren Rahmenbedingungen sowie über die gesellschaftlich getragene Nutzung zu entscheiden.

Integrative Medizin

Mit einer ähnlichen Grundhaltung wurden in den 1970er Jahren neben den Verfahren der sogenannten Schulmedizin die Phytotherapie, Homöopathie und die Anthroposophische Medizin als „besondere Therapierichtungen“ der Medizin im Sozialgesetzbuch V verankert. Da deren Arzneimittel schon lange erprobt und ihre fehlenden unerwünschten Arzneimittelwirkungen belegt waren, wurden sie in einem vereinfachten Verfahren zugelassen. Dies gilt damit nicht für neue Arzneimittelentwicklungen, auch diese müssen sich dem üblichen Zulassungsverfahren stellen.

Heute besteht ein breiter Konsens darüber, dass ein Miteinander von Schulmedizin und komplementärer Verfahren im Sinne einer integrativen Medizin von vielen Patient*innen gewollt wird. Verschiedene Umfrage zeigen, dass ungefähr 70% der Bevölkerung Komplementärmedizin als ergänzende Therapie wünschen und auch schon einmal verwendet haben.1 Dies gilt insbesondere auch im Rahmen der Behandlung schwerwiegender Erkrankungen wie Krebs und chronische Erkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert in diesem Zusammenhang, „das Beste beider Welten“ zu verwenden.2

Nur wenige Patient*innen möchten auf Standardtherapien oder auch auf sehr innovative Krebstherapien, die als große Errungenschaften der Schulmedizin gelten, verzichten. Vielmehr aber wünscht eine Vielzahl der Patient*innen eine zusätzliche, ergänzende Therapie, die über das Angebot der Schulmedizin hinausgeht, da diese z.B. Nebenwirkungen mildert und die Lebensqualität fördert.

Herausforderungen der Medizin

Die Medizin steht vor großen Herausforderungen: große Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Muskel-Skelett-Erkrankungen, Diabetes, Krebs, aber auch psychische Erkrankungen wie z. B. das Burnout Syndrom führen an die Grenze des aktuellen schulmedizinischen Leistungsstands sowie der gesellschaftlich tragbaren Finanzierbarkeit und fordern neue, ganzheitliche Denkansätze in der Medizin. Es ist unstrittig, dass durch Lebensstiländerungen (Ernährung, Bewegung, Stressreduktion) ein Großteil dieser Erkrankung verbessert oder sogar verhindert werden kann. Im Sinne einer Gesundheitsprävention bieten hier Verfahren der Komplementärmedizin eine wichtige zusätzliche Therapieoption. Über 60.000 Ärzt*innen in Deutschland verfügen über entsprechende Zusatzqualifikationen und entsprechend viele praktizieren bereits eine integrative Versorgung ihrer Patient*innen.

Auch in Deutschland spielen die zunehmenden Antibiotikaresistenzen immer mehr eine Rolle. Studien haben gezeigt, dass durch die Behandlung mit komplementärmedizinischen Verfahren der Verbrauch von Antibiotika bei Infektionserkrankungen deutlich gesenkt wurde und das Behandlungsergebnis genauso gut ausfiel.3 Kinder scheinen besonders davon zu profitieren. Das wiederum führt zu weniger Resistenzen bei den Erkrankungen, bei denen man dringend ein Antibiotikum braucht.

Deshalb fördern wir Grüne das Miteinander von Schulmedizin und Komplementärmedizin. Als komplementärmedizinische Methoden kommen dabei auch die „besonderen Therapierichtungen“ Phytotherapie, Homöopathie und Anthroposophische Medizin zum Tragen.

Aktuelle Kritik und Wissenschaftsbasierung der integrativen Medizin

Gleichzeitig erleben wir momentan eine Bewegung, die vieles außerhalb der Schulmedizin komplett ablehnt und dies medienwirksam verbreitet. Aktuell findet eine Konzentration auf die Homöopathie, insbesondere homöopathische Arzneimittel mit hoher Verdünnung statt, denen man eine Wirkung abspricht. Es wird behauptet, dass durch wissenschaftliche Studien bewiesen sei, dass homöopathische Arzneimittel nicht wirken.

Dies ist nicht der Ort einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung über die Studien zur Homöopathie. Tatsache ist, dass es über 100 randomisierte Placebo-kontrollierte klinische Studien und über 1000 experimentelle Studien gibt.4 Tatsache ist, dass diesen Studien von unabhängiger Seite insgesamt eine methodische Qualität vergleichbar derjenigen von vielen schulmedizinischen Studien bescheinigt wird. Und Tatsache ist auch, dass Wissenschaftler*innen, die sich mit Integrativmedizin befassen, durch diese Studien eine klare Evidenz für eine Wirkung homöopathischer Substanzen jenseits des Placeboeffekts sehen.

Streitpunkte sind die Auswahl von Studien, die für die Wirksamkeitsbeurteilung eines Gesamtsystems herangezogen werden. So wird den Autor*innen bestimmter Reviews, also Zusammenfassungen mehrerer Studien, vorgeworfen, sie hätten nur diejenigen Studien verwendet, die ein negatives Ergebnis zur Homöopathie zeigten. Z. B. sollen bei der gern zitierten australischen Übersichtsarbeit statt 1800 Studien – wie angegeben – nur 176 Studien begutachtet und davon schließlich am Ende nur 5 ausgewertet worden sein. Dieses methodische Vorgehen ist wissenschaftlich nicht nachvollziehbar. Dies wurden inzwischen auch von den australischen Behörden offiziell eingeräumt, so dass die Vorgänge nochmals untersucht werden.5

Bei der Bewertung der Homöopathie werden von deren Gegner*innen grundsätzlich nur solche Studien akzeptiert, die prospektiv, kontrolliert und doppelt verblindet sind, d. h. dass weder Ärzt*in noch Patient*in weiß, ob das Medikament oder ein Scheinmedikament, ein sog. Placebo gegeben wurde. Alle anderen Studienformen werden nicht zugelassen. Ferner wird argumentiert, dass nur das von der Krankenkasse bezahlt werden darf, was auf diese Art und Weise belegt sei.

Gleichzeitig wird suggeriert, dass die gesamte Schulmedizin durch solche randomisierten Studien belegt und legitimiert sei. Das ist aber nicht der Fall. Bei den internationalen Behandlungsrichtlinien, die für die Ärzt*innen Leitlinien ihrer Therapie sind, ist die Wirksamkeit schulmedizinischer Verfahren zum überwiegenden Teil nicht mit einer Evidenz Ia oder Ib belegt (also der höchsten Evidenz). So sind die besten Evidenzen in der Kardiologie (das Fachgebiet der Herzkreislauferkrankungen) mit nur in 14.2%6 und in der Onkologie (Fachgebiet der Krebserkrankungen) sogar nur mit 6%7 durch solche Studien belegt.

Demnach beruhen 94% der Empfehlungen in der Onkologie und 85% in der Kardiologie auf anderen Evidenzquellen, wie weniger hochwertigen Studien und Expertenmeinungen. Die Beurteilung der Evidenz von Expert*innen und anderen Studienformen wird aber in der Bewertung der Homöopathie von den Kritiker*innen nicht akzeptiert. Es wird also mit zweierlei Maß gemessen – ein höchst unwissenschaftlicher und gesellschaftlich fraglicher Vorgang.

Würden wir die strengen Kriterien, die Kritiker*innen für die Homöopathie anlegen, auch auf die Schulmedizin anwenden, und würden wir die Erstattung durch die Krankenkassen von diesen Kriterien nur davon abhängig machen, dürfte ein Großteil schulmedizinischer Verfahren und Arzneimittel nicht von den Krankenkassen erstattet werden.

Das würde auch einen großen Teil der onkologischen Chemotherapien in palliativen Situationen, in denen eine Heilung nicht mehr möglich scheint, betreffen. Denn gerade in diesen Fällen sind die allermeisten Therapien nicht durch solche als hochwertig geltenden randomisierten Studien belegt. Diese Therapien verfügen andererseits über ein unvergleichlich schwereres Nebenwirkungsspektrum als homöopathisch hergestellte Arzneimittel.

Weil das so ist, hat man in der medizinischen Wissenschaft eine pragmatische Herangehensweise gewählt, die Evidence based Medicine, und nutzt nicht nur randomisierte Studien, sondern auch alle weitere vorhandene Evidenz (andere Studienformen, Patientenpräferenzen und Expert*innenmeinung), um medizinisch handeln zu können.

Es gibt im Übrigen auch eine Reihe von der deutschen Arzneimittelbehörde BfArM im Rahmen des Zulassungsverfahrens wirksamkeitsgeprüfter homöopathischer Arzneimittel mit Zulassungsstatus! Bezweifeln die Kritiker*innen der Homöopathie neuerdings die fachliche Qualifikation der deutschen Zulassungsbehörde zur Wirksamkeitsbeurteilung von Arzneimitteln? Die Behauptungen zum fehlenden Wirksamkeitsbeleg homöopathischer Arzneimittel stehen damit auch im Widerspruch zur Zulassungspraxis des BfArM8.

 

Ein Kommentar

  • Uwe Gerber

    Der Kompromiss:

    V-44-033-4
    (Erklärung: Die modifiizierte Übernahme V-44-033-4 ersetzt: V 1 (Tim Demisch u.a.), V04 (Ulrich Geyer u.a), V 19 (Kay Müller u.a), V 44 (Yatin Shah u.a), V 44-33 BuVo, V 44-33-2 (Kordula Schulz-Asche u.a.), V 44-33-3 (Paula Piechotta) und V 44-40 (Kordula Schulz-Asche u.a.))

    Den Text von " V-44-033-4 " habe ich auf der Webseite der Grünen nicht gefunden.

    Aber der Tagesspiegel berichtet:

    Da der Parteivorstand eine ideologisch und emotional aufgeladene Diskussion fürchtete, wurde im Vorfeld des Parteitags nach einem Kompromiss gesucht. Dieser sieht vor, dass eine Kommission sich jenseits des Parteitags mit dem Thema befassen soll. Diese soll grundsätzlich klären, „was der Wissenschaftsbegriff und die evidenzbasierte Medizin bedeutet und wie beides im Kontext der Integrativen Medizin einzuordnen ist“.

    Das Thema ist für die Grünen so heikel, weil ein Teil ihrer Anhänger Behandlungsmethoden jenseits der klassischen Schulmedizin gut findet.

    Gleichzeitig fürchten in letzter Zeit manche Grüne, dass die Partei als „esoterisch“ abgestempelt wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.