Nachgefragt

„Auf welcher gesetzlichen Grundlage verweigern wir eigentlich dieser Personengruppe unsere Behandlung?“

 

Von : Uwe Gerber – IUZB.net
An : Frau Dr. Kerstin Finger, 17268 Templin, Uckermark/Brandenburg
Datum : Freitag, 05. Juni 2015
Betreff : Filmreportage FRONTAL21: Anfrage zu den rechtlichen Grundlagen Ihrer mobilen Zahnarztpraxis

Sehr geehrte Frau Dr. Finger,

ich betreue redaktionell das Portal „IUZB.net“ der Initiative Unabhängige Zahnärzte Berlin e.V. Ich vermute, dass Sie unser Portal kennen. Falls nicht, so finden Sie auf unserer Seite „Über uns“ Angaben über unsere Initiative.

Am 02. Juni habe ich mir im ZDF-Magazin FRONTAL21 die Filmreportage „Dorfsterben: Kampf gegen Bürokratie“ angeschaut. Im Film wurde auch über Ihre Initiative eines zahnärztlichen Hausbesuchsdienstes berichtet. Mir war Ihr Engagement bisher nicht bekannt.

Über den Filmbericht habe ich am 03. Juni hier kurz berichtet, wobei ich mich, da wir ja ein zahnärztliches Portal sind, nur auf Ihren Dienst beschränkt und herbei die Kernaussage des Filmberichts herausgezogen habe.

Diesen Kurzbericht hat Herr Jürgen Herbert, der Präsident der Landeszahnärztekammer Brandenburg, mit Unmut kommentiert. Leider jedoch nicht erklärend oder informierend.

Im Filmbericht wird die Landeszahnärztekammer Brandenburg kritisiert. In einem Artikel im Tagesspiegel vom 25.06.2011 hingegen die Krankenkassen.

  • Insofern interessiert mich/uns, wer und auf welcher (genauen) rechtlichen Grundlage legt Ihnen den nun die Steine in den Weg und ermöglicht Ihnen nicht, eine mobile zahnärztliche Versorgung entsprechend den Bedürfnissen Ihrer Patienten und Ihrer Praxisführung zu organisieren?
  • Beziehungsweise, aus welchem und von wem ausgestellten Bescheid und anhand welcher rechtlichen Paragrafen ergibt sich, dass Sie Ihren mobilen zahnärztlichen Dienst immer nur einen halben Tag in der Woche anbieten dürfen?

Gestern bin ich noch auf Meldungen über ein Projekt einer mobilen Arztpraxis in Niedersachsen gestoßen und habe das als weiteren Kommentar abgebildet. Dort handelte es sich nicht um das Engagement einer einzelnen Praxis, sondern um ein befristetes kooperatives Pilotprojekt. Diese rollende Arztpraxis war jedoch sogar die ganze Woche im Einsatz. Weshalb war dies dort möglich und weshalb ist dies Ihnen nicht möglich?

Über eine Antwort würde ich mich freuen. Ich möchte Ihr Engagement nicht berufspolitisch instrumentalisieren, aber mich/uns interessiert der reine Sachverhalt, den ich dann auch gerne bei uns im Portal (weiterführend) darstellen möchte.

Viele Grüße

Uwe Gerber
Redaktion IUZB.net.

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Von : Frau Dr. Kerstin Finger, 17268 Templin
An : Uwe Gerber – IUZB.net
Datum : Sonnabend 06. Juni 2015
Betreff : Antwort: Filmreportage FRONTAL21: Anfrage zu den rechtlichen Grundlagen Ihrer mobilen Zahnarztpraxis
Sehr geehrter Herr Gerber,
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danke für Ihr Interesse und Ihre Nachfrage. Ich kann verstehen, dass Sie, wenn Sie noch nie etwas über mich gehört haben, die wütenden Einlassungen unseres Kammerpräsidenten nicht nachvollziehen können. Im Grunde mag ich mich mit diesem „Negativgezerre“ nicht mehr wirklich auseinandersetzen, weil allein diese Email mich wieder Zeit kostet.
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Da Sie aber so sachlich, offen und genau gefragt haben, will ich den Versuch einer Klärung aus meiner Sicht machen.
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Zunächst haben Sie selbst sehr richtig bemerkt, dass Journalisten oder eben auch Professoren anderer Fachrichtungen das Recht haben, sich eine eigene Meinung zu bilden.
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Der Beitrag entstand in Reaktion auf eine Anfang des Jahres veröffentlichte Studie „Von Helden und Hürden“ des Berlin-Instituts, welches von Herrn Klingholtz geleitet wird. Es geht um Daseinsvorsorge in der Zukunft aufgrund der künftigen demografischen Entwicklung. In dieser Studie sind Lösungsvorschläge aller Sparten untersucht und daraufhin abgeklopft worden, ob es Hindernisse gesetzlicher oder anderer Art gibt, das bereits Gemachtes (also nicht irgendwelche spinnerten Ideen) weiterentwickelt wird, oder einfach auch nur bestehen kann. Sie finden die Studie im Internet. Neben meiner Person ist auch das Projekt von Frau Claudia Ramm aus Kiel beschrieben, die mit Ihrer KZV sogar bis zum Sozialgericht war (nur als Anmerkung).
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Die Studie hat natürlich einen Vorlauf. Als ich mich vor 6 Jahren an die Entwicklung des Projektes machte, hatte ich mehrere Dinge zu bedenken: Sie finden das in der Studie beschrieben: Ausrüstung; Residenzpflicht; Berufsordnung, die Zahnheilkunde im Umherziehen nicht erlaubt; fehlende Finanzierung; schwierige Fördermittelanträge z.B.
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Ich bin allein seit 30 Jahren in meiner Praxis.
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Heute nach erfolgreicher Umsetzung sind schon einige Dinge leichter, die Residenzpflicht, also die Zeit, die ich mich in meiner Praxis aufhalten muss, ist etwas verkürzt worden, die Berufsordnung besteht jedoch noch immer!
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Die Gebühren sind seit 2014 angehoben worden, die Fahrzeiten bekomme ich immer noch nicht (adäquat) bezahlt! In der Uckermark gibt es halt weitere Wege als zum Beispiel in einer Stadt.
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Nun kommt unser Präsident ins Spiel. Auf dem Zahnärztetag 2012 hat er in Cottbus gesagt, die pflegebedürftigen Leute sollen doch mit dem Taxi in die Praxis kommen! Nun wer so spricht, hat keine Ahnung, wie es hier vor Ort aussieht, wie viele Menschen zu Hause gepflegt werden und nicht mehr transportiert werden können. Sie haben zum Teil keinen Anspruch auf einen Transportschein und wer soll das bezahlen? Kasse tut es nicht, privat bei 25% Harzt IV Empfängern und Niedrigrenten? Begleitperson nicht vorhanden? 80 % unserer Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt!!!
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Ihre Frage müsste daher ethisch sauber eigentlich lauten: Auf welcher gesetzlichen Grundlage verweigern wir eigentlich dieser Personengruppe unsere Behandlung?
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Ich stimme Ihnen zu, der Beitrag war da noch sehr harmlos, gerade weil auch ich meine, wir müssen diese Dinge innerprofessionell besprechen – nur wir müssen es tun! Wenn Beobachtern beim Mitfahren etwas auffällt und Sie es kommentieren, ist es ihr gutes Recht!! Einen O-Ton von mir werden Sie dazu nirgendwo finden. Wenn man aber den Hintergrund beleuchtet, wie schwierig es ist, kann man die Nervosität der Verantwortlichen schon ein wenig verstehen. Wenn wir nicht bald nachlegen sind uns die nächsten Negativschlagzeilen sicher.
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Der Präsident hat noch meine Preisverleihung im Rahmen des Wettbewerbs „Land der Ideen“ angesprochen. Dieser Preis wird von der Bundesregierung in Verbindung mit der Deutschen Bank vergeben. Die Bundeszahnärztekammer hat mein Angebot abgelehnt, diese „Positivschlagzeile“ für sich zu nutzen. Herr Herbert hat das dann notgedrungen in Brandenburg übernommen. Dieses Gezerre um den Termin ist bei den Preisgebern und den begleitenden Journalisten auf erhebliches Unverständnis gestoßen. Auch da gab es viele Nachfragen bei mir und eine Meinungsbildung unter den Journalisten. Ich denke auch aus diesem Blickwinkel war der Beitrag harmlos!
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Ich denke, ich habe bisher den Balanceakt aus Innovationskraft und innerprofessioneller Loyalität ganz gut gemeistert. Ich werde mich aber nicht dafür entschuldigen, dass ich auf klar beschriebener ethischer Grundlage und entsprechend der Ottawa-Charta meinen ärztlichen Beruf ausübe.
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Ich bin gern zu einem weiteren Austausch bereit, weil ich denke, dass noch ein paar Fragen offen geblieben sind.
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Eine gute Zeit wünscht Ihnen
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Dr. med. Kerstin Finger M.A.

Herzlichen Dank an Frau Dr. Finger für ihre ausführlich und offene Antwort und ihre Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Ein Kommentar

  • Dr. Frank Naacke

    Ich gratuliere der Kollegin für ihre Idee, für ihr Angagement, für die Durchsetzung der ihr selbst gestellten Aufgabe und im Besonderen ihren Mut und ihre Kraft neben der Praxis sich gegen alle Wiederstände nicht nur verbal durchzukämpfen.

    Chapeau

    Frank Naacke